Cristina Ohlmer

„Pluies d´encre“ – Zeichnungen, Straßburg 2006

„Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht“, gesteht der heilige Augustinus in seinen Confessiones den Lesern auf die selbstgestellte Frage nach dem Wesen der Zeit und ihren drei abstrakten Erscheinungsformen: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dabei stellt die Gegenwart als wichtigste „Zeit-Ekstase“ (Heidegger) für den Kirchenvater und Philosophen das allergrößte Rätsel dar. Denn wie kann dem ephemeren Augenblick, dem unwiederbringlich im Zeitfluss verloren gehenden Moment überhaupt ein Sein, ein Wesen zugesprochen werden? Anders ausgedrückt: Was bleibt vom flüchtigen, jeweils neu erlebten „Jetzt“ letzten Endes übrig? Nicht mehr als eine undeutliche Erinnerungsspur in unserem Gedächtnis, ein mehr oder weniger schemenhaftes Bild, das sich unserem Bewusstsein eingeprägt hat, um irgendwann mit unserem eigenen Verlöschen selbst zu verschwinden? Fragen, mit denen sich bis heute nicht nur Physiker, Philosophen, Theologen und Psychologen, sondern auch und gerade Künstler/innen beschäftigen – stellt doch jedes gemalte oder gezeichnete Bild, jedes geschossene Foto den Versuch dar, Zeit zum Stillstand zu bringen, den jeweiligen Moment gleichsam einzufrieren und so für die „Ewigkeit“ zu bannen. 

            Zu den zeitgenössischen bildenden Künstler/innen, die das Phänomen „Zeit“ und, damit eng verbunden, unser Erinnerungsvermögen an Erlebtes, Geschautes immer wieder thematisieren und reflektieren, zählt Cristina Ohlmer. So auch in ihrer jüngsten, während ihres dreimonatigen Aufenthalts in Straßburg im Frühjahr 2006 entstandenen, aus einer Serie von zwanzig Schwarz-Weiß-Zeichnungen bestehenden Arbeit, der sie in Anspielung auf die astronomische Uhr im Innern der Cathédrale Notre-Dame den Titel Im Astronomischen Winkel gegeben hat.

Die von namhaften Uhrmachern und Bildhauern im 14. Jahrhundert geschaffene und im 16. Jahrhundert erneuerte hochkomplizierte Mechanik der astronomischen Uhr lockt jeden Mittag zahllose staunende Besucher aus aller Welt an. Punkt 12.30 Uhr zieht ein wahrer Musikzug von Automaten vorbei: Zwischen der Himmelskugel und dem ewigen Kalender mit Monaten, Wochen- und Festtagen, zwischen den antiken Göttern Apoll = Tag und Diana = Nacht und dem Aufgang von Sonne und Mond auf dem Ziffernblatt geht jede Viertelstunde eines der vier Lebensalter vorüber, während der Tod unerbittlich die Stunden schlägt, wobei über dieser Erdenzeit Christus thront, an dem wiederum die zwölf Apostel vorüberziehen.

Als Bildsujets von Cristina Ohlmers sich an der Grenze des Sicht- und Erinnerbaren bewegenden, einen eigentümlichen ästhetischen Reiz ausübenden Zeichnungen fungieren Interieurs, wie man sie in allen Metropolen dieser Welt vorfindet: Café-Bars, Läden, Werkstätten, Geschäfte usw. Darinnen Menschen: versunken, konzentriert, scheinbar ruhig in der Ausübung ihrer Arbeit, ihrer Zeit: Menschen, die in ihrem jeweiligen Raum stehen – wie Ausrufezeichen oder Fragezeichen, fügt die Künstlerin im Gespräch hinzu, Zeiger im Bild... Gerade ihre entrückte Geschäftigkeit, dieses oft einsame Tun, verleiht ihnen etwas Melancholisches. Sie machen dieses scheinbar so gut und sind mir Vorbild.1

Den Ausgangspunkt für Cristina Ohlmers mit China-Tusche auf Transparentpapier gezeichnete Arbeiten bilden dabei unterbelichtete Fotos, die ihr als Orientierung, sozusagen als Matrix der Erinnerung dienen: Nach eigener Aussage „Drei-Sekunden-Bilder“, da die ganz und gar intuitiv getroffene Entscheidung für die jeweilige Momentaufnahme, für ein bestimmtes Objekt, einen bestimmten Ausschnitt, eine bestimmte Perspektive, für einen einzigartigen Augen- und Kamerablick also, durch das Betätigen des Auslösers nie länger als drei Sekunden dauert, dauern darf – gemäß einer alten Samurai-Regel: „Jede wichtige Entscheidung ist innerhalb von drei Herzschlägen zu treffen!“  

Doch nicht nur Cristina Ohlmers Bildsujets thematisieren den Augenblick im alltäglichen Leben. Auch dem originellen bildgebenden, bildschaffenden Verfahren der Künstlerin selbst, ihrer speziellen Zeichentechnik haftet das Element des Momenthaften an, liegt die Reflexion auf das vergehende einmalige Jetzt zugrunde, und zwar in Form eines quasi binären Systems. Ihre Zeichnungen setzen sich nämlich aus Tausenden einzelner kleiner schwarzer Striche zusammen, aus einem regelrechten Strichregen, Strichreigen, dessen Zustandekommen im Zeichenprozess von der Künstlerin abermals Entscheidungen in Sekundenschnelle fordert: ja – schwarz, nein – weiß bzw. Fülle – Lücke, Strich – Leere... Ein Strich entspricht einem Herzschlag, entspricht einem Pulsschlag, die nach und nach im Verbund Konturen, Flächen und Volumen, ja sogar raffinierte Licht- und Spiegelungseffekte zeitigen und dergestalt das Erinnerungsbild der Künstlerin zum Leben erwecken, einen einmaligen Augenblick, nach Kierkegaard „die Einheit von Zeit und Ewigkeit“, für die Betrachter konservieren, dem Zahn der Zeit entreißen.        

 

 

Freiburg im Breisgau,

Sonntag, den 6. August 2006, 19.36 Uhr

Dr. Richard Reschika

 

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