Spiegelspiel

Katalogtext: Les Statistes 2001

 

Die Medien, auf die eine Kultur ihre Informationen aufzeichnet und abspeichert, bleiben in der Regel unauffällig im Hintergrund. So verschwinden das Blatt Papier hinter den Bedeutungen des Geschriebenen oder Leinwand und Malgrund hinter dem Gemalten, es sei denn, diese Medien werden aus bestimmten Gründen hervorgehoben. Was die Malerei betrifft, so gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts  immer wieder Aktionen, mit denen die materiellen Voraussetzungen der Malerei aus der Blindheit des vertrauten Umgangs ins Licht geholt werden. 1919 stellt Malewitsch ein weisses Quadrat auf schwarzem Grund aus, Rauschenberg um 1950 leere Malleinwände und Imi Knöbel beschliesst diese Linie Ende der 60er Jahre mit leeren Keilrahmen. Wenn, wie in diesen Fällen, Gewohntes und nie Hinterfragtes plötzlich zum Thema werden, ist das immer auch ein Zeichen für Verschiebungen in der Mediensituation. Speziell zu denken wäre hier an die wachsende Bedeutung der Photographie sowie die Ausbreitung des Films. Bei beiden handelt es sich um optische Medien, die naturgemäss in Konkurrenz zur Malerei treten. Das überkommene, „alte“ Medium reagiert auf die fällige Krise durch Selbstreflexion und Selbstreferentialität. Damit es nicht untergehe, müssen seine Voraussetzungen geklärt, die Ziele und Terrains neu definiert werden.

 

Dennoch: So aufschreckend Aktionen wie die von Malewitsch und dessen Nachfolgern einst auch gewirkt haben mögen - es gelingt damit nicht, den Status Jahrhunderte alter Medien wie der Malleinwand wirklich im kulturellen Bewusstsein zu etablieren. Dabei liegt es natürlich nicht allein an der Macht der Gewohnheit, wenn einem Trägermedium wie der Malleinwand so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Objekt aus Keilrahmen, Stoff und Malgrund ist gleichzeitig als Mittel zum Zweck immer schon untergeordnet und kommt ausserhalb des Metiers praktisch nicht vor. Das Augenmerk liegt allgemein auf dem, was auf der Leinwand ist.

 

Dass Gängiges zur Disposition gestellt wird, ist nicht nur als Verlust zu beklagen - im Gegenteil, es eröffnen sich ungeahnte Freiheiten. Um es kurz zu machen: Die Leinwand ist zu einem Bildträger unter vielen geworden. Allerdings verkomplizieren sich die Bedingungen grundlegend, sobald ein Material aus anderen Zusammenhängen ins Spiel gebracht wird, wie etwa Glas, mit dem Cristina Ohlmer seit ungefähr vier Jahren arbeitet. Statt eines für die Malerei zugerichteten, daher gefügigen Trägermediums bekommt es die Künstlerin mit einer Materie zu tun, die von sich aus einen der Malerei zunächst vollkommen fremden Eigencharakter mitbringt und nicht genug damit, noch ein Spektrum kultureller Konnotationen. 

 

Raum, Glas und Licht stehen in besonderen Beziehungen zueinander. Mit Glas können Räume begrenzt, geschaffen, vorgetäuscht werden. Wo es am unersetzlichsten, verbreitetsten und wirkungsvollsten ist, als Fenster nämlich, trennt es Räume und verbindet sie gleichzeitig. Im übrigen gibt es kein Alltagsmaterial, das sich so intensiv mit dem Licht austauscht. Glas erscheint als äusserst ambivalent, denn seiner Härte, Schärfe und Gefährlichkeit steht eine Transparenz gegenüber, die bis zur Unsichtbarkeit gehen kann. Damit ist schon die Thematik umrissen, die Cristina Ohlmer mit ihren Arbeiten untersucht, und es wird schnell sichtbar, dass die Vorgehensweise der Künstlerin nicht nur auf der Auswechslung von einem Bildträger gegen einen anderen beruht.

 

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Die Leere des Raums, der uns umgibt, ist Schein. Von dieser Voraussetzung geht die Künstlerin aus. Der Raum ist auf vielfache Weise gefüllt: Mit Luft, Wasserbläschen, Staub, in denen sich wiederum Schall und Licht ausbreiten. Es ist ein physischer Raum, der sich unserer Intuition aber nicht durch physikalische Beschreibung erschliesst, sondern durch Augenblicke der Einsicht, des Aufblitzens, die, so Cristina Ohlmer, sich einstellen, wenn beispielsweise eine Mücke das Blickfeld durchquert, ein Blatt zu Boden segelt, oder wenn man bei einem Gespräch auf synästhetische Weise sieht, wie die Worte den Raum durchschwirren. In dieser Art von Ereignissen findet Cristina Ohlmer ihre künstlerischen Aufgaben und für deren Lösung hat sie in dem Werkstoff Glas ein ideales Medium entdeckt.

 

Wie die Künstlerin im Einzelnen vorgeht, lässt sich an den Beispielen aus der Serie Doubles und Kisten präzisieren. Im Abstand von wenigen Zentimetern hintereinander montierte Scheiben schaffen Volumina. Als Malflächen dienen je die hintere - zur Wand - und die vordere - zum Präsentationsraum - gewandte Oberfläche. Die in verschiedenen Techniken gestalteten Arbeiten, z.B. die diffundierten oder eingeschmolzenen Farben und Formen, bringen gleichzeitig die Eigenschaften des Glases zur Entfaltung. Je nach Lichteinfall und Position der Betrachtenden öffnet sich das Objekt zum Hindurchsehen oder es verschliesst sich dem Blick, indem es das Licht zurückwirft. Durch Projektion erweitert sich der Bildraum um eine immaterielle Ebene aus Licht und Schatten.

 

Das Gemalte selbst organisiert sich aus drei Registern: Aus einem geometrischen Linienwerk, honigfarbenen Flächen und repetitiven, schwarmartig verteilten Figuren. Jedes dieser Register setzt die Künstlerin ein, um eine andere Eigenschaft des Glases zur Geltung zu bringen. Die Linien, einschliesslich der leeren Zwischenräume erzeugen Projektionen, die flächig eingebrannte Farbe evoziert eine Dialektik aus Transparenz und Reflexion und die von den ausschwärmenden Figuren erzeugte Tiefenwirkung macht das Volumen des Glases sichtbar. Projektion, Transparenz, Reflexion, Volumen: All das wirkt zusammen, um zu erzeugen, was die sinnliche Anziehungskraft, aber auch die mythische Qualität des Glases ausmacht: seine Oszillation.

 

Eine andere Werkgruppe, Zeichenbrut, umfasst aus quadratischen Scheiben gestapelte Licht-Objekte. Diese Stücke veranschaulichen am besten, auf welche Weise Cristina Ohlmer ihre Kunsträume herstellt. Auf die einzelnen Platten sind Figurenbildchen aufgetragen, typisierte Formen von Käfern oder schmetterlingsartigen Fabelwesen, die die Funktion graphischer Versatzstücke haben. Durch die aus der Schichtung resultierende Tiefe und die durch das Unterlicht gewährleistete Transparenz entstehen Gebilde, die Assoziationen an Söge, Spiralnebel, Atolle, Gewölk und ähnliche fraktale Formen wecken. Der Raum, den die Künstlerin auf diese Weise sichtbar macht, ist immer ein konkreter, wenn man so will, messbarer Raum, der sich fundamental unterscheidet von dem illusionistischen, mit perspektivischen Tricks vorgetäuschten Raum der Malerei. Gleichzeitig lassen diese Objekte sich als Reaktion auf elektronisch erzeugte Raumillusionen wie Hologramm und Computeranimation bewerten, denen gegenüber sie ihre sinnliche Qualität ausspielen.

 

Die Figuren, die sich in der Tiefe der Glaskuben verstreuen, hat Cristina Ohlmer als Typen konzipiert, die ihre beliebige Reproduzierbarkeit mit Druck- und Schreibmaschinenlettern gemeinsam haben. So bevölkern diese Figuren eine Übergangszone zwischen Bild und Schriftzeichen, was seinerseits konsequent zu den 20 Glasblöcken mit dem Titel Countdown Berlin führt. Das DIN-A-4-Format der Scheiben ist das Format der Schreibblätter, auf denen die Künstlerin das Tagebuch eines Berlinaufenthaltes getippt hat. Die graphische Struktur der Papierschnitte versinnbildlicht den Aufbau einer inneren Landkarte von Lauf- und Beobachtungswegen. Es ist kein Zufall, dass das Glas der Objekte ungebrochen mit den Glasfronten jener Betontürme korrespondiert, durch die eine aus dem Schutt der Geschichte ausgegrabene Stadt in eine Metropole umgebaut wird.

 

Cristina Ohlmers Glasarbeiten kommen von der Malerei und der Zeichnung und kehren auch immer wieder dorthin zurück, so dass die beiden Medien in unvorhersehbaren Feedbacks aneinander gebunden sind und auf einander einwirken: ein Spiegelspiel, das potentiell die Unendlichkeit einholt - wie der Blick durch Glas.

 

Herbert Maria Hurka, freier Publizist, Freiburg

 

 

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